Moral und Moralin

Fußballmannschaften, die einen hohen Rückstand zur Pause aufgeholt haben, oder sonst irgendeine bemerkenswerte Leistung vollbracht haben, sagt man Moral nach. Menschen, die Steuern hinterzogen haben, spricht man solche ab. Schnäppchenjagd wiederum verstoße gegen Anstand und Sitte, und Mobbing im Netz sei unmoralisch.

Was das alles miteinander zu tun hat? Nichts auf der Oberfläche, in der Tiefe schon: Ein diffuses Gefühl dafür, was sich unter Menschen gehört und was nicht, scheint noch irgendwie da zu sein in der Gesellschaft. Freilich: Gerade das Diffuse, das Unbestimmte macht die Moral oft zu etwas Überheblichem und deren Vertreter zu müde belächelten Aposteln. Das Diffuse macht die Moral aber auch zu etwas Gefährlichem: Denn sie kann dazu benutzt werden, Menschen zu diskreditieren, sie zu sittlichen Outlaws zu stempeln. Ohne wenn und aber. Dann erhebt sich eine ganze Gesellschaft ins Apostolat der Moral, unabhängig davon, wie integer der oder die einzelne ist oder sein mag. Dann wird Moral zu etwas Drohendem und Bedrohlichen, zu etwas eingeengten und Einengendem.

Moral, als Sitte und Anstand verstanden, lebt von den Werten und Regeln, nach denen eine Gesellschaft leben möchte. Es kommt darauf an, zu überprüfen, ob die Werte und Regeln, nach denen eine Gesellschaft leben möchte, auch lebensdienlich sind und der Reflexion stand halten. Das ist Aufgabe der Ethik, deren Material die Moral ist.

Deswegen sollte Moral auch das beschreiben, was eine Gesellschaft positiv stützt. Sie hat es nicht verdient, als Deckmantel für Neid oder Häme missbraucht zu werden, oder gar zur Kaschierung der eigenen Neigungen. Wer den Zeigefinger moralisch erhebt, der muss wissen, was er tut. Denn Anspruch an andere können wahrhaft und authentisch nur solche Personen erheben, die diesen selbst erfüllen. Tut sie es nicht, sollten sie es lassen, anderen Vorhaltungen im Namen der Moral zu machen.

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