Nachdenkliche Organisationen

Eine gut gestaltete Erkundungsphase vermittelt die Tugenden, auf die es insgesamt im Beratungsprozess ankommt.

Ethik des Hinhörens: In den letzten Monaten haben wir viele Erfahrungen mit Erkundungsphasen in Unternehmen gemacht. Der Gedanke ist plausibel und bei Organisationsberatern verbreitet: Bevor wir auf eine Anfrage eins zu eins reagieren („Wir haben viele Mitarbeitende, die wegen eines Burnouts ausfallen. Können Sie uns ein Seminar für die Führungskräfte anbieten?“), schlagen wir eine Erkundung vor, die vom Kunden oft dankbar begrüßt wird: Lassen Sie uns an zwei Tagen mit verschiedenen Mitarbeitenden ins Gespräch kommen, damit wir uns ein differenziertes Bild der Lage machen können. Für uns haben sich einige Qualitätskriterien für gute Erkundungen herauskristallisiert:

Wir kommen davon ab, Einzelinterviews zu führen. Unserer Erfahrung nach können sie dazu verleiten, sich im Schutzraum ‚auszukotzen’, hinterher aber die Verantwortung für das Gesagte nicht zu übernehmen. Besser sind kleine Gruppen von drei bis fünf Mitarbeitenden: Wer hier Kritisches äußert, steht vor anderen zu seinen Aussagen. Und oft ist es für die Beteiligten interessant zu hören, dass Kollegin X aus dem Vertrieb oder der Nachbar in der Produktion bestimmte Kritikpunkte ganz anders sieht: Ein Bewusstsein für die konstruierten Wirklichkeiten in Teams und Abteilungen wächst. Und es wächst der Mut und die Qualität, Kritisches vor der Führung oder Konstruktives vor den Kollegen zu sagen.

Wir fragen nicht nur nach Problemen, sondern auch nach Lösungsansätzen, nicht nur nach den Wünschen an die anderen, sondern auch nach eigenen Beiträgen und Lösungen. Die Fragen ändern den Blick: Worauf sind sie stolz? Was läuft hier gut? Was konnten sie dazu beitragen, das Problem zu benennen oder gar zu lösen? Regelmäßig irritiert dieser Wechsel weg von der Defizitorientierung und Menschen beginnen lösungsorientiert zu denken: Die Erkundungsphase stärkt eine andere als die übliche Wirklichkeit in der Organisation.

Wir stellen dann die Wahrnehmungen aus den Erkundungsgesprächen zusammen und verdichten sie zu Hypothesen – etwa: „Wir vermuten, dass die erkennbar zahlenorientierte Führung eher demotiviert als motiviert. Eine Ergänzung durch eine feedback- und ressourcenorientierte Führungshaltung könnte stille Reserven in der Belegschaft heben“.

Diese Hypothesen und dazu passende Maßnahmenideen stellen wir zunächst dem Management zur Diskussion, dann allen Gesprächsteilnehmerinnen und –teilnehmern. Wir lernen nochmals viel über den Kunden, wenn wir sehen, wie er mit den Rückspiegelungen umgeht. Und, fast noch wichtiger: Führung und Mitarbeitende lernen viel über sich und kommen in ein gutes Gespräch über Stand und Entwicklungsmöglichkeiten.

Ethisch gesprochen: Eine gut gestaltete Erkundungsphase vermittelt die Tugenden möglicherweise umfassender und ganzheitlicher, die durch Einzelmaßnahmen vermittelt werden sollten: Offenheit, respektvoller Umgang mit Kritik und den Blick auf Gaben und Potentiale im eigenen Hause. Manche Maßnahmen sind danach gar nicht mehr so wichtig, andere können auf bereitetem Boden ausgesät werden.

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