Der Klang der Person

Es ist ein Kernmodell unserer Arbeit: Bernd Schmids „Drei-Welten-Modell der Person“. Schmid, der gerne mit der Theatermetapher arbeitet, spricht von drei Rollen, die wir in unterschiedlichen Bezügen spielen. Er knüpft damit an den Wortsinn von Person an: Per-sonare heißt durchtönen, hindurchklingen. So wie des Schauspielers Stimme durch die Maske klingt, so klingt unsere Person durch unsere Rollen hindurch.

Ein zentraler Erkenntnisgewinn des Modells: Schmid macht einen Unterschied zwischen professionellen Rollen und solchen in der Organisation. Von der Profession her mag jemand Ingenieur sein oder Juristin. Das formatiert Wahrnehmen und Verhalten: Der Ingenieur geht anders an Probleme als die Juristin, nimmt anders wahr, löst anders. In der Organisation sind sie beide Führungskräfte, er als Projektleiter, sie als Abteilungsleiterin Personal. Hier haben sie Funktionen, die für die Organisation wesentlich sind, sie treten in das Kraftfeld der Organisationsrolle: sie nehmen wahr und handeln, wie es in der Organisation üblich ist. Anders ausgedrückt: Eine Juristin erwirbt als Rechtsanwältin in der Kanzlei andere Kompetenzen als ihre Studienkollegin, die Personalleiterin beim Autozulieferer geworden ist. Einen zusätzlichen Klang bringt schließlich herein, was Menschen jeweils in ihren privaten Kontexten erfahren und erleben, woher sie kommen, wie sie leben.

Der Unterschied zwischen professioneller Welt und Organisationswelt ist hilfreich, um die unterschiedlichen Wirklichkeiten in einer Organisation wahrzunehmen und zu würdigen. Der Unterschied wird dann wichtig, wenn die Organisation jemandem nicht mehr den vertrauten Ort bieten kann: Wer oder was bin ich nun? Welche professionellen Kompetenzen habe ich mir hier erworben? Was kann ich gut? Wohin könnte ich mich jetzt entwickeln?

Was mir am Drei-Welten-Modell einleuchtet, hat mit unserem theologischen Herkommen zu tun. Bernd Schmids Modell kennt keinen Personenkern. Es gibt nicht den „eigentlichen“ Menschen hinter den Rollen, nicht die wahre Identität hinter den gespielten Identitäten. Sondern was der Mensch ist, zeigt sich ausschließlich in verschiedenen Rollen und Bezügen. Ich gehe nicht in der Organisationsfunktion auf, bin auch Privatperson und professionell geprägt. Aber wer ich bin, zeigt sich nur im Puzzle und in den Fragmenten meiner Rollen und Bezüge.

„Identität als Fragment“, so hat der Theologe Henning Luther einen Aufsatzband überschrieben und darin die These vertreten, dass das Wesen von Menschen nur in Bezügen und Geschichten greifbar ist, sich fragmentarisch zeigt und sich immer wieder neu zusammen setzt. Im Hintergrund steht bei ihm die Überzeugung, dass es Identität nur in Bezügen entsteht. Wir sind, weil wir angesprochen werden, als Privatpersonen, als Professionelle, mit unserer Organisationfunktion. Weil wir angesprochen und wahrgenommen werden von Menschen und von Gott.

Hennings Namenskollege Martin Luther spricht vom verbum externum, vom Wort, das von außen kommt: Wer und was ich bin, kann ich mir nicht selbst sagen, sondern zeigt sich darin, wie ich mich zu den Anreden verhalte, die mir begegnen. Darin ist Bernd Schmids Modell am Ende fast ein wenig theologisch.

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