Model e – ein Weg ethischer Entscheidungsklärung

Schön wäre es, wenn Ethik eine Instanz wäre, anhand derer man – gleichsam einer Checkliste – abhaken könnte, ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist. Leider ist es nicht so einfach.

Ethik ist vielmehr eine Perspektive, um Entscheidungen auf Passung zu überprüfen: Stimmt die Entscheidung zu den eigenen Überzeugungen und zu den Anforderungen des Kontexts, hat sie Folgen, mit denen die Betroffenen und wir selbst leben können? Oder mit den Worten einer Studentin aus einem unserer Lehraufträge: „Ethik, wie Sie sie verstehen, gibt mir verschiedene Scheinwerfer an die Hand, um eine Entscheidung gut auszuleuchten und bewusst zu treffen.“ 

In unserer Arbeit haben wir einen Weg ethischer Urteilsbildung ausgearbeitet, der methodisch mit diesen Scheinwerfern arbeitet. Wir nennen diesen Weg Model e, in augenzwinkernden Bezug auf „Model T“, die „Tin Lizzie“, das erste von der Firma Ford am Fließband gefertigte Auto. Auch unser Model e kennt aufeinander folgende Schritte, gleichwohl ohne Fließband und ohne Takt: Model e schafft Raum für verschiedene Scheinwerfer. Das „e“ steht für eigenständig und ethisch: Wer ethisch handeln und entscheiden will, den bietet dieser Raum Orientierung zu einem eigenständigen Urteil.

Am Beginn unseres Wegs steht das Gefühl: Jemand fühlt sich unbehaglich, unstimmig, es grummelt im Bauch. Da kann ich jetzt nicht schnell drüber weggehen, sondern dem muss ich mich stellen. Wir haben Model e an vielen unterschiedlichen Themen durchgespielt, die mit einem unguten Gefühl beginnen: Jemand erlebt Korruption und Vorteilsnahme in seinem Umfeld. Jemand nimmt wahr, wie sein Geschäftsführer laufend neue Kollegen einstellt und entlässt, statt an die Strukturen und an seine Arbeitsweise zu gehen. Jemand möchte jemand einstellen und hat die Auswahl aus drei guten Bewerbungen. Jemand möchte nochmals dem nachdenken, was er in einer Krise intuitiv entschieden hatte. Beispiele gibt es genug. Aber oft ist es schwer, dieser ersten, intuitiven, bauchgesteuerten Wahrnehmung Raum zu geben. Das ermöglicht der erste Schritt von Model e.

Nach der intuitiven Wahrnehmung führt unser Weg führt durch den Reflexionsraum mit seinen Scheinwerfern, die je nach Bedarf dunkler oder heller geregelt werden können. Ein Scheinwerfer beleuchtet Gesetze, Regeln und Standards, die helfen könnten. Der nächste wirft sein Licht auf die beteiligten Interessengruppen sowie deren ethische Motive. Zwischendrin und immer wieder in Aktion ist der Scheinwerfer, der die eigene Haltung, die eigenen Werte ins Spiel bringt: Was ist mir wichtig in Situation, was leitet mich bei meiner Entscheidung, was will ich verwirklicht sehen in meinem Herzen, was ist ein No-Go für mich.

Davon ausgehend geht es kreativ um mögliche und scheinbar unmögliche Handlungsoptionen. Es geht um einen Zukunftsblick, um die Konsequenzen der verschiedenen Szenarien, bis ich schließlich die passende und stimmige Entscheidung treffen und durchhalten kann.

Neben der Einsicht, dass Ethik mit einem eigenständigen Weg und der eigenen Werthaltung zu tun hat, gefällt den Anwenderinnen und Anwendern des Model e, dass hier Ethik mit Kreativität verbunden ist und nicht vorrangig mit Beurteilung: „Ich finde es gut, dass Ethik nicht abwertet und Optionen schließt, sondern nach neuen Möglichkeiten und Perspektiven sucht, die vorher nicht im Blick waren.“, sagt ein Anwender.
Aus unserer Sicht überwindet Model e eine weitere Engführung: Ethik hat es zwar auch mit den großen und letzten Fragen um Leben und Tod, Menschenwürde und Autonomie zu tun, es geht gleichwohl auch um gutes und gelingendes Leben im Alltag, um Unbehagen und Lebensqualität in der beruflichen Praxis. Ethik wird zur Lebenskunst.

Ford Model T

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