Beratung auf vier Kilometern

Es waren zwei dichte Stunden zwischen Sonnenaufgang und Frühstück. Den Sonnenaufgang hatten wir – sechs Pilgerteilnehmer und zwei Begleiter – in der Franziskanerkirche in Rothenburg erlebt, in der Morgendämmerung dorthin aufgebrochen, der kühle, stille Kirchenraum mit seinen hohen Fenstern, leise Musik.

Die aufgehende Sonne lässt schließlich die Fenster erstrahlen, der Sonnengesang des Franziskus steht im Raum. Ruhig gehen wir danach aus der Kirche, aus der Stadt heraus den Jakobsweg Richtung Westen. Eine Teilnehmerin spricht mich an. Ihr gehe eine Frage aus der Kirche nach, eher ein Nebensatz: Wo wir unsere Wurzeln hätten. Das sei ihr Thema: Grundlegend, da aus einer internationalen Familie kommend. Und aktuell – in ihrer Stimme wird ihre Bewegung hörbar: Ob sie nach Wien gehen solle oder in Deutschland bleiben. Wir haben vier Kilometer am frühen Morgen bis zum Frühstück vor uns: Ja, es wäre gut, darüber zu reden. Eigentlich ahne sie schon, welche Entscheidung sich herausbilde, aber sie wolle das nochmals durchsprechen.

Wir gehen in der Gruppe und doch für uns. Der Waldrand, an dem der Weg entlang führt, glänzt im Morgentau. Wir wandern dem Tetralemma entlang. Die eine Option: Hier bleiben. Die andere Option: Nach Wien gehen. Was heißt das Eine, was das Andere für die eigene Laufbahn, für Partnerschaft und Familie? Gibt es eine dritte Option, die beides zusammenbringt, die Qualitäten des Einen und des Anderen? Zwischen Wien und Deutschland pendeln? Lebensmitte und Familie hier, Appartement dort? Neue Aspekte und Ideen entstehen im Gehen. Gibt es ein Viertes – weder das eine, noch das Andere? Ja, stimmt, ihr Ex-Chef habe sie schon zwei Mal wegen Paris angesprochen. Das habe sie nicht wirklich ernst genommen. Und wäre doch auch möglich... Wo vorher eher bedrückte Ruhe war angesichts des Dilemmas, fließen jetzt Optionen und Ideen. Die Sonne steht höher.

Das Ergebnis der Beratung weiß ich nicht mehr. Ich kann mich aber heute noch an die Wegabschnitte erinnern, wo wir welche Option im Tetralemma besprachen. Kein Flip, keine Kärtchen, kein Protokoll. Die Reflexionsschritte sind in meiner Seele mit dem Hohenloheschen Waldrand und dem Spätsommermorgen verbunden. Vielleicht geht es ihr ebenso, wo auch immer sie jetzt arbeitet und lebt.

Informationen zum Seminar "Mit Jakobus Unterwegs" finden Sie hier.

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