Fünf Gründe für gute Gespräche im Gehen

Ein Element beim Jakobswegseminar: In einer Kirche oder auf einer Waldlichtung bringen wir ein Fragment aus der Jakobsgeschichte ein, dazu eine Leitfrage für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Und die wirkt auf dem nächsten Wegabschnitt weiter. Es seien im Gehen oft tiefe und persönliche Gespräche gewesen, bekommen wir als Rückmeldung. Wäre das im Schulungsraum mit den gleichen Impulsen und Leitfragen genauso geglückt? Welchen Unterschied macht das Gehen?

Fünf Punkte:

Erstens: Beim Gehen ist Schweigen erlaubt. Im Seminarraum wird gleich losgearbeitet und –geredet. Auf dem Weg muss das nicht sein. Jeder geht zunächst seinen Gedanken nach, bis einer zu reden beginnt. Wir setzen das bewusst ein: Schweigen Sie erst einmal bis zum Waldrand. Und dann fängt einer von ihnen an zu erzählen.

Zweitens: Nebeneinander zu gehen entlastet. Im Seminarraum schaut mich der andere erwartungsvoll an, fragt, hakt nach. Hier auf dem Weg geht er neben mir her. Ich denke und rede fast so, als ob ich alleine wäre, ein Selbstgespräch. Die Verlockung für den anderen, dazwischen zu gehen, eigene Punkte einzuwerfen, ist vom Format her ausgebremst. Schweigend und hörend geht er mit. Und das tut gut.

Drittens: Der Weg strukturiert die Zeit. Nicht nackte Minutenangaben, sondern Wegstrecken gliedern den Dialog: Gehen Sie zum Baum auf dem Feld. Auf dem Weg dorthin erzählt die Eine, was ihr zur Frage kommt (oder was gerade wichtig ist), der Andere hört aktiv und aufmerksam zu. Ab dem Baum bis zum Gehöft ist dann der Andere dran. Und beim Gehöft, bis wir alle dort sind, reflektieren Sie kurz zu zweit, wie es ihnen mit der Frage gegangen ist.

Viertens: Defokussierung. Da fliegt ein Vogelschwarm vorbei, ein Baum erstrahlt in der Sonne, der Bach am Weg nimmt die Aufmerksamkeit in Anspruch. Kurze Ablenkungen, Vergegenwärtigungen. Zwei, drei Atemzüge Staunen, den eigenen Körper wahrnehmen, da sein. Diese Defokussierungen sind keine Störungen, sondern Verwesentlichungen. Sie stellen die Gesprächsthemen in einen weiten Kontext: Was ist wirklich wichtig. Was tut darüberhinaus gut.

Fünftens: Didaktik der Sinne. Unterwegs verbinden sich die Reflexionen, Einsichten und Gedanken, die im Gespräch entstehen, mit Gerüchen, Sinneseindrücken, Wahrnehmungen: Dort bei der Kirche haben wir den anspruchsvollen Geschäftsführerwechsel durchgesprochen. Da am Bach ging es um meine berufliche Neuausrichtung. Auf der Lichtung um meine Trauer wegen der Trennung. Oft genügt später der Blick auf Karten oder Fotos, um wesentliche Gesprächssequenzen zu vergegenwärtigen. Manche Teilnehmende gehen mit Partner oder alleine ein halbes Jahr später nochmals hin. Es hat sich vieles verändert, nicht nur in der Landschaft.

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