Der Mehrwert der Werte

Bei unserer Beiratsklausur im vergangenen Jahr hatten wir eine Führungskraft aus der Geschäftsleitung eines großen Mittelständlers der Region zu Gast. Wir hatten ihn dazu interviewt, welche Rolle Werte bei Entscheidungen spielen, bei Entscheidungen über Produkt-Markt-Strategien, über Organisationsveränderungen, über Lieferantenbeziehungen.

Es entstand ein kreativer und nachdenklicher Dialog über seine eigenen Grundüberzeugungen und über die impliziten Werte der Unternehmenskultur. Am nächsten Tag rief er nochmals an: Er habe heute Aufsichtsratssitzung gehabt – und die Perspektive der Werte habe ihn dabei nicht losgelassen.Welche Werte hinter den verschiedenen Positionen sichtbar werden, sei es hinter dem Interesse an Umsatz und Profit, sei es hinter strategischen Interessen. Er habe den Blick auf die Werte als hilfreich erlebt, weil sie Verständnis für die Haltungen und Motive hinter den Interessen ermögliche.

Anderer Kontext, ähnliche Rückmeldungen: In einem Führungsethik-Seminar arbeiten wir mit Schulz-von-Thuns Wertequadrat. Dieses Modell leitet dazu an, hinter mancher harten Äußerung der Gegenseite deren Werte wahrzunehmen. „Herr B ist ein absoluter Kontrollfreak“, sagt Frau A, „der lässt seine Leute ja gar nichts selbständig tun“. Für Frau A ist Vertrauen und Eigenständigkeit sehr wichtig: Sie wertet Herrn B deswegen ab: Kontrollfreak. Was, wenn sie ihn nun nicht abwertet, sondern nach dem positiven Wert hinter B’s Verhalten sucht? Was könnte der Wert hinter der Kontrolle sein? Für sich selbst Sicherheit zu bekommen, vermuten wir. Oder auch: Die Arbeit der anderen wahrnehmen, Kontrolle als eine Form der Aufmerksamkeit: Mir ist nicht gleichgültig, was Du tust.

Diese Suche nach den Werten hinter dem Verhalten, so die Teilnehmer des Seminars, helfe, die legitimen Motive von Herrn B zu verstehen, seine Überzeugung ernst zu nehmen – um ihn dann einladen zu können, neben der Kontrolle auch zu vertrauen, um ihn dabei zu unterstützen, eine angemessene, erwachsene Form der Kontrolle zu finden.

Manchmal neige ich dazu, unsere ethische Perspektive als Verdoppelung des ohnedies Gewussten zu sehen: Langfristige ökonomische Klugheit und menschliche Bildung kommen intuitiv zum gleichen Ergebnis wie die ethische Reflexion. Die werde deswegen zuweilen als nettes Sahnehäubchen, als schöne, aber nicht wirklich hilfreiche Verdoppelung des schon Gewussten wahrgenommen.

Die Rückmeldungen oben holen aus dieser Selbstunterschätzung heraus. Der Blick auf die Werte bringt offenbar etwas Neues hervor. Wir reduzieren das Gegenüber nicht nur auf ein Interesse, sondern unterstellen ihm eigene Werte. Nicht nur strategische Klugheit, sondern dialogische Wertschätzung charakterisiert dann unsere Haltung.

Die Werteperspektive ist zudem eng verbunden mit dem Interesse an den Prägungen und Hintergründen von Werten. Welche Geschichten haben jemanden dazu gebracht, sich so zu steuern, wie wir es wahrnehmen – nebenbei eine nicht nur personale, sondern auch kulturelle Perspektive: Welche Werte sind weswegen in die Kultur dieser Familie oder jenes Unternehmens eingeschrieben? Die Werteperspektive erhöht die Chance, bei prägenden Geschichten anzusetzen, und sie neu und verändernd zu erzählen. Bei Verhandlungen und in Entscheidungen ermöglicht die Werteperspektive nicht nur ein kompromissorientiertes Verhandeln, sondern einen verständigungsorientierten Dialog über Prägungen und Motive, der alle bewegen und verändern kann: Jetzt verstehe ich besser, weswegen Du so bist und handelst.

Curriculum Werteorientiertes Management

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